Handwerk in NRW: 159 Milliarden Euro Umsatz – und ein Berg von Problemen

Von Guido M. HartmannStand: 07:08 UhrLesedauer: 6 MinutenStraßenbauer-Meister Martin Willems mit seiner Schwester Marina Willems an einer Baustelle der gemeinsamen Firma im niederrheinischen WillichStraßenbauer-Meister Martin Willems mit seiner Schwester Marina Willems an einer Baustelle der gemeinsamen Firma im niederrheinischen WillichQuelle: Silvia Reimann

Das Handwerk steht in NRW für Umsätze von 159 Milliarden Euro und 1,2 Millionen Beschäftigte. Doch viele Meister klagen über zu viel Bürokratie und fehlenden Nachwuchs. Die FDP fordert nun eine Entlastung der Branche, um die 110.000 Betriebe zu „entfesseln“.

Anzeige

In Willich am Niederrhein ist Martin Willems mit vier Leuten, einem Bagger und einem schweren Lkw im Einsatz. Auf rund 250 Meter Länge verlegt der Straßenbauermeister aus Viersen unterirdisch neue Rohre für Gas, Wasser und Strom, die alten Rohre dürften an die 50 Jahre alt sein. „Zu tun haben wir glücklicherweise genug“, sagt der 36-jährige Unternehmer, der den alteingesessenen Familienbetrieb zusammen mit seiner Schwester Marina führt. Doch der organisatorische Aufwand zur Genehmigung und Einrichtung solcher Baustellen bei den verschiedenen Stellen werde immer größer. „Bis alles durch ist und wir loslegen können, vergehen oft mehrere Wochen, manchmal Monate.“

Wie Willems, der rund 20 Mitarbeiter beschäftigt und einen Fuhrpark mit 30 Geräten unterhält, klagen viele Handwerker im Land über zunehmenden Papierkram, etwa Handlungs-, Berichts- und Dokumentationspflichten. Und das schreckt offenbar auch den Nachwuchs ab. Laut einer aktuellen Umfrage im Kammerbezirk Düsseldorf plant weniger als jeder zweite Jungmeister eine Betriebsgründung. Und mehr als 58 Prozent nennen „bürokratische Belastungen“ als Haupthindernis.

Anzeige

Die oppositionelle FDP-Landtagsfraktion hat vor diesem Hintergrund eine neue Antragsinitiative gestartet, um Bürokratie und steuerliche Belastung für die 110.000 Betriebe in NRW zu mindern. „Das Handwerk in NRW schafft Jobs und sichert unseren Wohlstand“, sagt Dietmar Brockes, wirtschaftspolitischer Sprecher der Fraktion. „Wir dürfen nicht zulassen, dass die hohen Bürokratielasten zum Jobkiller werden, es ist höchste Zeit für eine Wirtschaftswende!“ Der Antrag der Liberalen mit einem 10-Punkte-Programm gegen Bürokratie geht nun in den zuständigen Ausschuss und wird dort diskutiert.

„Zum Schreibtisch-Täter mutiert“

Auch für Klaus van Geffen, Dachdeckermeister aus dem rheinischen Tönisvorst, sind bestimmte bürokratische Vorschriften eine zunehmende Belastung für das Handwerk. „Wenn wir in Düsseldorf oder Krefeld an einer Baustelle einen Kran aufstellen müssen, ist eine unserer Damen aus dem Büro rund zwei Stunden mit den Anträgen und Papierkram für die entsprechende Genehmigung einer Sondernutzung beim zuständigen Amt beschäftigt.“

Anzeige

Der 59-Jährige beschäftigt einen Meister, 15 Gesellen und Azubis und eben 2,5 Mitarbeiter im Büro. Für einen kleinen Betrieb wie seinen seien zwei volle und eine halbe Kraft im Büro eigentlich eine schlechte Quote. Die Bürokratie lähme viele Betriebe „und schreckt den Nachwuchs in hohem Maße ab“, sagt van Geffen. „Es wäre schön, wenn ich meinen Beruf noch ausüben könnte – stattdessen bin ich zum Schreibtischtäter mutiert!“

Zwei junge Menschen bildet der Betrieb derzeit aus, demnächst fängt eine junge Frau ihre Ausbildung an. Zuletzt hat van Geffen zwei Flüchtlinge aus Guinea ausgebildet, die nun als Gesellen bei ihm arbeiten. „Die beiden sollten jetzt möglichst bald auch noch den Führerschein machen, damit sie auch unsere Fahrzeuge nutzen können.“ Wenn er ausbilde, sollte der Nachwuchs möglichst auch in der Firma bleiben.

Defizite auch beim Meister-Bafög

Das wünscht sich auch Zahntechniker Dominik Kruchen, der den Vorstoß der FDP begrüßt. Im Düsseldorfer Zooviertel beschäftigt der Meister in seinem Labor 12 Mitarbeiter, darunter seine Frau Silvia. Die ist selbst ausgebildete Zahntechnikerin, beschäftigt sich aber seit Längerem nur noch mit Büro- und Verwaltungstätigkeiten. „Es wird leider immer mehr“, sagt der 64-Jährige, der seit 1989 selbstständig ist. So verlange die Ende der 90er-Jahre auf den Weg gebrachte Medizinprodukten-Richtlinie der EU seit fünf Jahren, dass jedes einzelne in Zahnprothesen verarbeitete Material, von Kunststoff über Keramik bis zu Gold und Titan, für jede Anfertigung exakt dokumentiert wird.

Das bedeute konkret, dass die Firma jede Chargennummer fotografieren und in einem Spezialprogramm festhalten muss. Zudem müsse zusätzlicher Lagerraum für kistenweise Nachweise-Vorhaltung verwendet werde. „Ich bin gerne Zahntechniker“, sagt Kruchen. „Aber was hier mittlerweile an Verwaltungs- und Bürokratieaufwand einhergeht, schreckt viele ab, vor allem den Nachwuchs.“ Die 29-jährige Tochter des Paares ist mittlerweile selbst Zahntechnikmeisterin und in der Firma aktiv. Ob sie sie aber wirklich einmal übernehmen werde, sei noch unklar, so Kruchen.

Der Düsseldorfer Zahntechniker-Meister Dominik Kruchen mit seinem Azubi Nils HerrmannQuelle: Guido M. Hartmann

Für Hans Jörg Hennecke, Hauptgeschäftsführer beim Verband Handwerk.NRW, stimmt die „Stoßrichtung“ des FDP-Antrags, der unter anderem ein Belastungsmoratorium für die gesamte Legislaturperiode für Handwerk, Mittelstand und Industrie fordert, zudem ein jährliches Bürokratieabbaugesetz und die Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren. Auch die „Förderbürokratie“ belaste das Handwerk derzeit, so Hennecke. „Derzeit ist die Not beim Meister-BAföG besonders groß.“ Lange Genehmigungsverfahren träfen Meisterschüler hart, die dringend auf Unterstützung beim Lebensunterhalt angewiesen sind.

Beim Handwerk der Region Ruhr wünscht man sich zudem, dass der Staat stärker in die grundsätzliche Rechtstreue der Betriebe vertraut, also davon ausgeht, dass Betriebe grundsätzlich rechtskonform handeln, so Jeanine Bucherer, Referentin beim Westdeutschen Handwerkskammertag (WHKT): „Denn klar ist für das Handwerk auch: Regulierung und damit Bürokratie muss in einem hochentwickelten Land wie NRW sein – es kommt aber auf das rechte Maß an!“

Auch bei der SPD hat man ein Ohr für die Sorgen des Handwerks. Die Betriebe und ihre Verbände klagten zu Recht über die vielfältigen Dokumentations- und Berichtspflichten, sagt die SPD-Handwerksbeauftragte im Landtag, Nadja Lüsers. „Jede eingesparte Stunde Bürokratieerfüllung macht sich speziell in kleineren Betrieben deutlich bemerkbar.“

Aus ihrer Sicht sei das NRW-Wirtschaftsministerium „gefordert, eine Vorschlagsliste von zu streichenden beziehungsweise zu vereinfachenden Regelungen vorzulegen und auch Vorschläge zu unterbreiten, hinsichtlich welcher Bundes- und EU-Regelungen ein NRW-Vorstoß zur Änderung geboten wäre“. Für die grüne Wirtschaftsministerin Mona Neubaur sind Handwerker unverzichtbar „für das Gelingen der Energiewende“, sie würden dabei helfen, „unsere ehrgeizigen Klimaschutzziele zu erreichen“.

Aus ihrem Haus heißt es, die Regierung arbeite daran, das Handwerk bei den Berichtspflichten zu entlasten, aktuell finde dazu eine Verbändebeteiligung statt. „Wir werden auf dieser Basis bewerten, welche Berichtspflichten abgeschafft, begrenzt oder befristet werden können“, so ein Sprecher. Da der Großteil der Bürokratie seinen Ursprung in Berlin und Brüssel habe, werde man „zusätzlich eine Initiative auf Bundesebene prüfen“.

„Mehr gesellschaftliche Wertschätzung ist nötig“

Wenn Zahntechniker Kruchen deutsche EU-Abgeordnete auf seine Bürokratieprobleme anspricht, wirkten die oft eher ratlos. Und Straßenbauer Willems erinnert sich an die Europawahl vor zehn Jahren. Bereits damals hätten die Handwerksoberen im Vorfeld die Bürokratie beklagt, unter der vor allem die kleinen und mittleren Betriebe leiden würden. „Seither hat sich aus meiner Sicht beim Bürokratieabbau leider nichts getan, eher das Gegenteil ist der Fall.“ Ob der jetzige FDP-Vorstoß im Landtag etwas bewirke und irgendwann auf der kommunalen Ebene ankomme, da gebe es doch erhebliche Zweifel.

Dennoch bricht der Niederrheiner eine Lanze fürs Handwerk. „Ich bin davon überzeugt und sicher, dass die Branche Bau viel Potenzial für junge Menschen bereithält“, sagt Martin Willems. „Aber auch die gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung müssen sich ändern, damit das Handwerk wieder lukrativer für Schulabgänger wird.“

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *