Restitution: Auf den Spuren der jüdischen Kunstsammler

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Restitution

Auf den Spuren der jüdischen Kunstsammler

Autorenprofilbild von Andreas FaselVon Andreas FaselRedakteur Nordrhein-WestfalenStand: 08:41 UhrLesedauer: 6 MinutenMax Stern während seines Studiums an der Universität Bonn. Im Hintergrund ist der Beethovenplatz zu erkennen (Foto um 1926)Quelle: © Max Stern Fonds/National Gallery of Canada

Im Nachlass des Galeristen Max Stern suchen Kunstfahnder nach Hinweisen auf die Biografien seiner jüdischen Kunden – und manchmal finden sie Gemälde, deren problematische Herkunftsgeschichte bislang niemandem aufgefallen war.

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Erwin Simons liebte offensichtlich die Kunst der niederländischen Meister. Am 17. Mai 1932 kaufte er in der Düsseldorfer Galerie Stern für 370 Reichsmark ein Bild von Roelant Savery. Zwei Jahre später erstand er für 1300 Mark ein „Flügelaltärchen mit Wappen“. So ist es auf einer Kundenkarte der Galerie vermerkt. In Stichworten ist außerdem zu lesen, dass dieser Dr. Simons aus Köln im Februar 1935 die Galerie besuchte. 1936 sandte man ihm zwei Werbebriefe zu. Dann enden die Einträge.

Simons ist einer von rund 1200 Kunden, die in der Kartei des jüdischen Kunsthändlers Max Stern geführt wurden. Stern, der auf der Düsseldorfer Königsallee eine namhafte Galerie führte, emigrierte Anfang des Jahres 1938. Zuvor hatten ihn die Nazis zur Liquidierung seiner Galerie gezwungen. Einen Teil seines Bestandes ließ Stern vom Kölner Kunsthaus Lempertz versteigern, um mit den Erlösen die sogenannte Reichsfluchtsteuer zu bedienen. Nach dem Krieg wurden Max Stern und seine Frau Iris in Kanada zu den wichtigsten Galeristen für moderne Kunst.

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Um den Nachlass des kinderlos gebliebenen Ehepaars kümmert sich heute die Max and Iris Stern Foundation. Und diese Stiftung ist es auch, die im November ein Projekt angeschoben hat, das Sterns akribisch geführte und ins Exil gerettete Kundenkartei genauer unter die Lupe nehmen soll. Mit dem Ziel, die Lebenswege jüdischer Kunstsammler zu rekonstruieren und Hinweise auf von ihnen gekaufte Bilder ans Licht zu bringen. Gefördert wird das Vorhaben vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste.

Kundenkarte von Erwin Simons aus dem Nachlass des Galeristen Max SternQuelle: Max and Iris Stern Foundation

Es gibt aber noch eine zweite, quasi inoffizielle Agenda dieses Projekts. Es geht um eine Wiederannäherung zwischen der Düsseldorfer Stadtspitze und der Stern-Stiftung, deren Verhältnis zuletzt ziemlich angespannt war. Andere bezeichnen es als zerrüttet. Davon wird später noch die Rede sein.

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Doch zunächst zurück zu Sterns Kundenkartei. „Als Erstes geht es darum, dass wir aus der Kartei die jüdischen Kunden herausfinden und ihre Biografien ausarbeiten“, erklärt Bernd Kortländer, einer der beteiligten Forscher. Der Literaturwissenschaftler und Spezialist für regionale Geschichte durchforstet derzeit die Archive, gleicht Namen und Daten ab. Den eingangs erwähnten Kunstfreund Erwin Simons fand er wieder als Nachfahre einer jüdischen Unternehmerfamilie, die in Neuss eine Mühle betrieben hatte. 1937 wanderte Erwin Egon Simons nach England aus – und wurde 1946 unter dem Namen Edwin Edgar Simmons britischer Staatsbürger.

Rund 120 solcher Lebensläufe von jüdischen Kunden der Galerie Stern habe er bereits rekonstruieren können, berichtet Kortländer. Einige dieser Namen fänden sich auch in Sterns Briefen. Denn mit vielen Kunden aus der Düsseldorfer Zeit habe Stern nach seiner Emigration korrespondiert. „Es gibt immer wieder welche, die sich später bei ihm melden und Bilder anbieten, die sie in Deutschland bei ihm gekauft hatten.“

Susanne Anna, Direktorin des Düsseldorfer Stadtmuseums, leitet das Projekt. Bernd Kortländer rekonstruiert die Lebenswege der in Sterns Kartei geführten KundenQuelle: Silvia Reimann

Kunst war eine Möglichkeit für Juden auf der Flucht, Vermögen aus Deutschland herauszubekommen. Doch dafür war es wichtig, Kunst zu haben, die im Ausland gefragt war. „Anhand von Sterns Kundenkartei können wir erkennen, dass im Lauf der 30er-Jahre das Interesse für eher dekorative Werke etwa der Düsseldorfer Malerschule, für die die Galerie Stern ursprünglich bekannt war, nachließ“, sagt Kortländer. „Stattdessen wurden niederländische Meister gekauft, die auch international einen Wert hatten.“

Es sei zu vermuten, dass Stern seinen jüdischen Kunden eine solche Umschichtung ihres Gemäldebestandes in Hinblick auf eine spätere Emigration nahegelegt habe. Auffällig sei auch, dass man in Sterns Briefwechseln auf Kunden stoße, die nicht in der doch ansonsten so akribisch geführten Kartei zu finden seien. Wollte er sie dadurch vor dem Zugriff der Nazis schützen?

Die Witwe des Autohändlers Karl Cappel hatte mit ihren Bildern allerdings wenig Glück. Die Cappels hatten ein Bild der in Deutschland angesagten Wiener Landschaftsmalerin Tina Blau nach New York mitgenommen, das sich nun als schwer verkäuflich erwies. Erwin Simons erging es besser: Das „Flügelaltärchen mit Wappen“, das er mit nach England genommen hatte, wurde über Umwege nach Paris verkauft. Dort ist das Kunstwerk bis heute, es befindet sich in Privatbesitz.

Max Stern mit seiner Frau Iris. Nach seiner Emigration aus Deutschland wurde Stern einer der erfolgreichsten Galeristen in KanadaQuelle: © Max Stern Fonds/National Gallery of Canada

Nicht immer gelingt es, den Kundennamen aus Sterns Kartei unmittelbar konkrete Bilder zuzuordnen. „Denn auf den Karteikarten ist meist nur der Name des gekauften Künstlers vermerkt, nicht der Titel des Bildes“, erklärt Stephan Klingen. Der Kunsthistoriker ist Mitarbeiter des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München, dort befindet sich die weltweit größte Sammlung an Katalogen, Werkverzeichnissen und Akten über die Rückgabe von Kunst, die von den Nazis geraubt oder zu Dumpingpreisen gekauft wurde. Klingens Part im aktuellen Forschungsprojekt ist es, die von Bernd Kortländer aufgefundenen Spuren weiterzuverfolgen.

„Normalerweise ist es ja so, dass Museen mit der Provenienzforschung versuchen, die Herkunftsgeschichte ihrer Bilder zu klären“, sagt Klingen. „Wir gehen genau umgekehrt vor: Wir suchen zu den Lebensgeschichten aus Sterns Kundenkartei die passenden Kunstwerke.“ Das sei häufig deutlich schwieriger, weil längst nicht alle Bilder, die in der Galerie Stern gekauft wurden, in einem Museum gelandet seien.

Die Schwierigkeit, die Provenienz, also die Herkunftsgeschichte eines Kunstwerkes zu klären, war auch Anlass für ein Zerwürfnis zwischen der Stadt Düsseldorf und der Max and Iris Stern Foundation. In diesem Fall ging es um das Gemälde „Bildnis der Kinder des Künstlers“ von Friedrich Wilhelm von Schadow, das aus den Beständen Max Sterns stammte und über Umwege in den Besitz der Stadt gekommen war. Die Stadtspitze argumentierte lange, die Geschichte des Bildes sei nicht lückenlos zu klären – und verweigerte eine Rückgabe.

„Bildnis der Kinder des Künstlers“ (1830) von Wilhelm von Schadow – dieses Bild war Anlass für ein Zerwürfnis zwischen der Stadt Düsseldorf und der Max and Iris Stern FoundationQuelle: © Landeshauptstadt Düsseldorf/Melanie Zanin

Befeuert wurde die Kontroverse durch den Streit um eine Ausstellung: 2017 sagte der damalige Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) eine Schau über Stern ab. Als Grund gab er Restitutionsforderungen der Stiftung an. Sein Kulturdezernent Hans-Georg Lohe (CDU) schob angebliche wissenschaftliche Mängel als Begründung für die Absage nach. Der Skandal war perfekt, über Düsseldorf brach ein internationaler Shitstorm herein.

Es war dann an Lohes Nachfolgerin Miriam Koch (Grüne), die Eiszeit zu beenden. Unterstützt wurde sie durch den neuen Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU). Im Gespräch mit WELT erinnert sich Koch an ihre erste Kontaktaufnahme zu Vertretern der Stern-Stiftung vor etwa zwei Jahren. „Jedes Vertrauen schien da verloren, die Stimmung war eisig“, erzählt sie. Eine ihrer ersten Amtshandlungen war es, die Rückgabe des Schadow-Bildes und einen anschließenden Rückkauf durch die Stadt in die Wege zu leiten. Mit dem Forschungsprojekt zu Sterns Kundenkartei läute man einen „Neubeginn einer Zusammenarbeit“ ein, sagt sie. Stolz verweist die Kulturdezernentin darauf, dass die Leitung des Projekts dem Düsseldorfer Stadtmuseum und dessen Chefin Susanne Anna anvertraut worden sei.

Dieses „Selbstbildnis“ von Friedrich Wilhelm von Schadow wurde bereits 2013 an den Stern Estate restituiert. Es hängt heute als Dauerleihgabe im Düsseldorfer StadtmuseumQuelle: Silvia Reimann

Brauchte es noch einen Beweis für das neue Miteinander – in der Personalie Willi Korte hat man ihn. Der Jurist und Historiker, der in Washington lebt, gilt weltweit als führender Rechercheur in Sachen Beutekunst. Und seit mehr als zwanzig Jahren ist er in Sachen Restitution von Werken aus der Galerie Max Stern unterwegs. Es sei natürlich damit zu rechnen, dass man durch die Auswertungen der Kundenkartei auf Bilder stoße, die restituiert werden müssten, sagt er. Eines hat er schon entdeckt.

Bei der Suche nach dem von Erwin Simons erstandenen „Flügelaltärchen mit Wappen“ fand Korte im Archiv des Niederländischen Instituts für Kunstgeschichte den Hinweis auf das Gemälde „Die Versuchung des heiligen Antonius“, das Simons bei einer anderen Galerie als ein Werk von Hieronymus Bosch gekauft hatte – heute wird es einem Bosch-Nachfolger zugeschrieben. „Das Bild hängt mittlerweile im Wadsworth Atheneum Museum in Hartford im US-Bundesstaat Connecticut“, sagt Korte. „Das Interessante daran ist, dass dieses Museum selbst Provenienzforschung betreibt und die Ergebnisse auf seiner Website veröffentlicht.“ Doch über die problematische Herkunft dieses Bildes scheine man dort noch nichts zu wissen.

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