Europameisterschaft: Glaube, Liebe, Fußballkunst

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Europameisterschaft

Glaube, Liebe, Fußballkunst

Von Stefan KeimStand: 11:40 UhrLesedauer: 6 MinutenGlaube, Liebe, Fußball“ heißt ein Theater-Fan-Spektakel im Düsseldorfer Schauspielhaus. Dabei treffen elf Schauspieler auf Fußball-Fans aus verschiedenen Generationen„Glaube, Liebe, Fußball“ heißt ein Theater-Fan-Spektakel im Düsseldorfer Schauspielhaus. Dabei treffen elf Schauspieler auf Fußball-Fans aus verschiedenen GenerationenQuelle: Thomas Rabsch

Da rollt nicht nur der Ball in den Stadien: Das Düsseldorfer Schauspielhaus und das Deutsche Fußball-Museum in Dortmund flankieren die anstehende Fußball-EM mit großen Kulturprojekten.

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Der Weltraum. Unendliche Weiten. Sterne verbinden sich, formen einen Kreis. Der Fußball wird geboren. Pathos oder Spaß? Das Fußballmuseum in Dortmund verbindet beides in seiner immersiven Schau „In Motion – Art & Football“. Und das Düsseldorfer Schauspielhaus hat vor seinen Türen eine Fanmeile zur Fußball-Europameisterschaft aufgebaut, hier läuft das deftige Spektakel „Glaube, Liebe, Fußball“ mit Profischauspielern und Fußballfans aus der Region.

Es wurde schon oft versucht, Fußball und Hochkultur zusammenzubringen. Manchmal ist es gelungen, wie beim grandiosen Jubiläumsmusical, das sich der FC Schalke 04 vor 20 Jahren gönnte: „Nullvier – keiner kommt an Gott vorbei“. Aber es gab auch immer Aufführungen, die gewollt kritisch wirkten und damit niemanden zufriedenstellten, weder die Theater- noch die Fußballfans. Oder Shows, bei denen man sofort spürte, dass keine wahre Liebe zum Sport dahintersteckte, sondern eher das Interesse an Fördertöpfen.

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Kunst aus ganz Europa

Beide Projekte sind sehr ehrgeizig. Und sehr unterschiedlich. Zunächst ins Deutsche Fußballmuseum. Da steht das Publikum inmitten von Projektionsflächen. Auch auf dem Boden gibt es ovale Erhebungen. Auf die werden Bilder projiziert, 175 Kunstwerke vom Anfang bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Alle haben mit Fußball zu tun, manche sind völlig abstrakt, andere realistisch wie Fotografien. Alle Länder, die an der Europameisterschaft teilnehmen, sind mit Kunstwerken vertreten. „Es hat bisher noch keine Ausstellung gegeben“, sagt Museumsleiter Manuel Neukirchner, „die sich dem Thema Fußball und Kunst aus einem transnationalen, aus einem europäischen Kontext genähert hat.“

Das Kunstwerk „Fußball 1918“ von Robert Delaunay ist im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund im Rahmen der Ausstellung „In Motion – Art & Football“ zu erlebenQuelle: Carsten Kobow / Deutsches Fußballmuseum

Kein Kunstwerk ist in Dortmund anwesend. Sie wurden eingescannt und abgefilmt. Nun sind sie Teil eines 45-minütigen Bilderrausches. Man steht quasi in einem Film, der rundum abläuft. Die Kamera zoomt in die Bilder hinein und heraus, zeigt Details, überblendet ins nächste Gemälde. Dieser Stil nennt sich „immersive Ausstellung“, einige Kilometer weiter in Dortmund-Hörde hat „Phoenix de Lumières“ mit solchen Kunstshows riesigen Erfolg. Wobei die dortige Halle auf dem ehemaligen Gelände des Stahlwerks Phoenix-West noch mehr Möglichkeiten bietet, ganz in eine andere Welt einzutauchen. Da wird zum Beispiel auf den ganzen Boden projiziert, und das Publikum kann sich darauf bewegen. Auf die Projektionsflächen im Fußballmuseum darf man nicht treten, das schränkt die Bewegungsfreiheit ein.

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Aber auch „In Motion“ hat einiges zu bieten. Zu emotionaler Musik wie im Kino haben die Macher die Bilder in 18 Kapiteln zusammengefasst. Manche klingen ein bisschen hochtrabend. „Dynamisierung der Körper“ zum Beispiel, oder „Magie der Moderne“. Da schweifen die Gedanken unversehens zum Fußballsketch der englischen Gruppe Monty Python. Darin stellt ein hochintelligenter Kulturschwurbler ausgefeilte Fragen nach der Ästhetik der Spielanlage und der Philosophie eines Passes in die Tiefe. Und John Cleese antwortet mit leicht stumpfem Blick: „Nun, Brian, ich eröffne eine Boutique.“ In der Show gibt es auch gewollten Humor und treffsichere Ironie.

Wenn es um Mythen und Religionen geht, räkelt sich Cristiano Ronaldo in Puttenpose in einem Himmelsszenario. Und Uli Hoeneß taucht als Spieler in Ketten auf, eine Karikatur von Karl Lagerfeld. Auch ein Bild von Banksy ist dabei, ein Terrorist, der vor einem roten Stern mit Maschinengewehr über der Schulter einen Fallrückzieher versucht. „Wir zeigen die schöne Perspektive des Fußballs“, sagt Manuel Neukirchner, „aber natürlich auch die destruktive Sichtweise. Wir zeigen die Überkommerzialisierung, auch Fußball im Zusammenhang mit Krieg.“ Besonders beeindruckt da das Bild zweier muskelbepackter männlicher Fleischbrocken, die sich aufeinander stürzen. „The Glorious Game“ heißt das Bild des Schotten Peter Howson, der auch als Kriegsmaler in Bosnien und im Kosovo gearbeitet hat.

Wer sich nach der Bilderflut noch genauer mit den Werken beschäftigen möchte, kann das in einem Kabinett tun. Da werden viele Bilder noch einmal einzeln gezeigt, und man bekommt mehr Einzelheiten mit. „Die Künstlerinnen und Künstler des 20. Jahrhunderts haben sich mit dem Geist des Fußballs auseinandergesetzt“, sagt Manuel Neukirchner. „Das war keine Schwärmerei. Das ist auch das Besondere in der Ausstellung. Der Fußball ist keine Illustration, er erhebt sich selbst zur Kunst.“ Zur Eröffnung kündigte die ehemalige Nationalspielerin Josephine Henning an, dass sie als „artist in residence“ Workshops geben und ein Kunstwerk an der Außenwand des Fußballmuseums realisieren wird. Frauen finden sich in den Bildern der Schau übrigens ausgesprochen selten, auch schwarze Spieler sind überraschenderweise kaum vertreten. Die Darstellung des Fußballs in der Moderne ist interessant, spannend und manchmal witzig – aber anscheinend nicht wirklich divers.

Drama und Komödie

Ein bunter Haufen stürmt dafür in Düsseldorf die Tribüne vor dem Schauspielhaus. Direkt gegenüber sitzt das Publikum. Trillerpfeife trifft auf Trommel, die typischen Gesänge gehen los. 90 Minuten dauert die Performance „Glaube, Liebe, Fußball“, die sich die Autoren und Regisseure Peter Jordan und Leonard Koppelmann ausgedacht haben. Genauso lang wie ein Spiel, zumindest früher, als man die Unterbrechungen nicht so genau ausgerechnet hat. Wobei die Nachspielzeit in Düsseldorf vom Applaus ersetzt wird. Elf Profis aus den Reihen des Schauspielhauses treffen auf Fußballfans aus allen Generationen. Ein Moderatorenpaar sitzt in einer Sprecherkabine und bewirft sich mit Klischeesätzen des Sportjournalismus. Es geht nicht um ein konkretes Spiel. Irgendwer spielt gegen jemand anderen, es fallen Tore, es gibt Fouls und Pfostenschüsse, Elfmeter und Abseits. Auf einer Videofläche läuft ein Zusammenschnitt historischer Highlights mit vielen Stars des Fußballs.

Doch im Zentrum stehen die Fans. Ihre Reaktionen sind es, die das Publikum mitreißen. Die unendliche Trauer, wenn ein Schuss daneben geht. Und der ekstatische Jubel, wenn das Ding reingeht. Das Wichtigste: Nicht ansatzweise macht sich hier jemand über die Fußball-Leidenschaft lustig. Im Gegenteil, hier tobt das Leben in seiner extremen Vielfalt. Ein Capo und eine Capa leiten die Fans an, wie im Stadion. Und es entsteht überraschende Präzisionsarbeit. Sophie Stockinger und Thomas Kitsche haben die Masse im Griff, peitschen sie auf und nieder, lassen sie jubeln und verzweifeln. Fußball als Menschheitsdrama, das jederzeit zur Komödie werden kann.

Dafür sorgt zum Beispiel Florian Lange, der sich eine Perücke nach der anderen aufsetzt und vom Kopf reißt und wild die Dialekte wechselt. So spielt er – manchmal im Sekundentakt wechselnd – Günter Netzer und Paul Breitner, Berti Vogts und Joseph Blatter. Einmal rennt er mit italienischem Furor über die Tribüne und schimpft im Stil von Giovanni Trappatoni, des ehemaligen Trainers des FC Bayern München.

Ein „Theater-Fan-Spektakel“ hat das Düsseldorfer Schauspielhaus angekündigt – und geliefert. Das Fußballmuseum will hingegen Familien ansprechen, liefert aber auch eine abgründige und anspruchsvolle Kunstschau. Es sind zwei spannende Arten, Fußball und Hochkultur zusammenzubringen.

Info: Die Ausstellung „In Motion“ im Deutschen Fußballmuseum läuft noch bis 5. Januar. Das Stück „Glaube, Liebe, Fußball“ ist noch 13., 16., 18., 22., 27., 28. Juni. sowie am 3., 4., 7., 12. und 13. Juli zu sehen.

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